Von Irene Heisz

Der österreichisch-britische Philosoph Ludwig Wittgenstein nahm an und formulierte: „Die Welt ist alles, was der Fall ist." Wittgenstein war im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger eingerückt, im August 1914 notierte der 25-Jährige in seinem Tagebuch: „Als Rekrut eingekleidet worden...brauche sehr viel gute Laune und Philosophie um mich hier zurecht zu finden." Wittgenstein arbeitete während des gesamten Krieges an seinem Tractatus Logico-Philosophicus.


Auf das österreichische Bundesheer übertragen mag der erste Hauptsatz seiner logisch-philosophischen Abhandlung lauten: Die Welt ist alles, was der Ernstfall ist.
Das können Jahre im Voraus geplante, akribisch vorbereitete Ereignisse ebenso sein wie ungeplante, aber um nichts weniger akribisch vorbereitete Geschehnisse. Der Ernstfall, das sind Kriege in Nachbarländern Österreichs, aber auch Olympische Spiele und andere sportliche Auseinandersetzungen auf internationaler Ebene. Der Ernstfall sind Übungen zur Bewältigung von Erdbebenkatastrophen, deren Erschütterungen naturgemäß nicht an Staatsgrenzen Halt machen. Der Ernstfall sind explodierende Atomkraftwerke in nur vermeintlich fernen Ländern. Und Lawinenunglücke, die uns ganz unmittelbar nahe sind und nahe gehen.
Nicht immer bedeutet ernst auch todernst, existenziell, Leben gefährdend und zerstörend, wenn das Bundesheer eingreift. Aber oft genug. Auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, heißt also, mit dem Schlimmsten zu rechnen, um das Schlimmste zu verhindern.
Doch auf den Ernstfall vorbereitet zu sein, bedeutet keineswegs automatisch dasselbe, wie tatsächlich bereit dafür zu sein.
Die Jubiläumsausstellung zur 50-jährigen Geschichte des Tiroler Landesmilitärkommandos erzählt Geschichten von Ernstfällen jeder erdenklichen, also auch jeder möglichen Art. Geschichten, die vom System handeln, das auf das Unwahrscheinliche vorbereitet ist, und Geschichten von den Menschen, die bereit dafür und dazu sind, dorthin zu gehen, wo sie gebraucht werden.
Die Ausstellung im Tiroler Landhaus zeigt die Gesichter zu den Geschichten, die Menschen hinter der Logistik, hinter beeindruckenden, gleichwohl seelenlosen Zahlen.
Der Texter Hubert Berger, Journalist in Diensten des Bundesheeres, hat die Fakten und das historische Bildmaterial zu den geplanten und unerwartet nötig gewordenen Einsätzen des Heeres in Tirol zusammengetragen.
Der Fotograf Rudolf Schwerma porträtiert an den Ereignissen beteiligte Soldaten: in eindringlichem Schwarzweiß, konzentriert auf das Wesentliche, ernsthaft und schnörkellos, umgeben von einer rauen, dann wieder fast zarten Sinnlichkeit.
Und der Wortkünstler Wilfried Schatz schleudert Gedankenblitze, die überraschende Zusammenhänge und vermeintlich Abwegiges erhellen. Vor allem aber beweisen die Wortschöpfungen aus dem „www.sprachkabi.net": Selbst oder vielleicht gerade in hermetischen Systemen wie einer Heeresorganisation kann und muss auch Raum für das Spielerische, das Frappierende, das Herausfordernde sein.
Sind diese Soldaten, die mit ihren Geschichten Teile der jüngeren Tiroler Geschichte geschrieben haben, Helden? Wohl kaum. Zumal nur noch die ganz Dummen, die ganz Dumpfen oder die ganz Frivolen das Wort „Held" leichtfertig in den Mund nehmen. Einfach so, ohne zusammenzuzucken, ohne instinktiv zurückzuschrecken. Man muss verlangen dürfen, dass ein Mensch im 21. Jahrhudert wenigstens einen halben Gedanken auf die Angemessenheit des Begriffes „Heldentum" verwendet. Die porträtierten Soldaten haben getan, wozu sie sich verpflichtet hatten. Aber vielleicht mit dem entscheidenden Tropfen mehr Herzblut, dem einen vernünftigen, umsichtigen Gedanken mehr, der einen Anstrengung über die Erschöpfung hinaus mehr als viele andere Menschen zu investieren bereit wären.
Vaterland, Heimat, Patriotismus, Landesverteidigung, Gemeinwohl. Lauter große Wörter, zu groß gewiss, um sie in Zeiten grundlegender Zweifel noch mit nachlässiger Geste als erratische Blöcke in die Mitte einer disparaten Gesellschaft zu schleudern. Und wo genau wäre sie überhaupt zu verorten, diese Mitte?
Große Wörter von der vaterländischen Sorte produzieren heute Widersprüche, in sich und in alle Denkrichtungen; und sie provozieren Widerspruch, der allerdings mitunter irrational um sich schlägt. Ähnlich irrational wie der Verteidigungsreflex derer, die denkfaul, feige und dreist ganz genau zu wissen behaupten, was diese großen Wörter bedeuten. Tatsächlich sind sie – und das nicht ohne Grund – dazu angetan, eine Irritation, mitunter sogar ein Unbehagen zu hinterlassen. Zumindest aber bedürfen sie einer differenzierten und differenzierenden Erklärung. Im Übrigen auch bei den Intelligenten, Gebildeten und Weltläufigen unter den Soldaten, die verstanden haben: Wer die Uniform überstreift, muss die strikte Hierarchie akzeptieren und verinnerlichen, er muss Befehle erteilen und/oder fraglos ausführen. Im Sinne des Systems zu funktionieren, ist die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass das System funktioniert.
Aber es muss – und dürfte – nicht gleichbedeutend damit sein, die Fähigkeit zum kritischen, kreativen, womöglich sogar eigenständigen Denken verdorren zu lassen. Denn das Denken muss trainiert werden wie das Schützen und Schießen, das Retten, Bergen und Helfen. Auch davon erzählen die Bilder und Texte aus fünf Jahrzehnten Landesmilitärkommando Tirol.